Gastblogger-Woche

#gegenErziehung von geborgen und geliebt {Gastblogger-Woche}

Hallo meine lieben Leser! Ich bin ganz aufgeregt, denn heute startet sie: meine allererste Gastblogger-Woche. Das Thema habe ich Euch letzte Woche bereits hier verraten, es geht um die liebe Erziehung.

Den Anfang macht die liebe geborgen und geliebt.

Ich musste ganz schön schlucken bei ihrem Text und möchte mich ganz herzlich bei ihr bedanken – für das Vertrauen, mir diesen Text hier zur Verfügung zu stellen – und für ihren Mut, dies alles niederzuschreiben und mit uns allen zu teilen. Das verdient den größten Respekt.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr Euch hier die Ruhe und die Zeit nehmt, von Lisas Kindheit zu lesen, die alles andere als leicht und schön war…

Bedrückte Grüße
Eure schnuppismama


 

 

Die liebe Schnuppismama hat mich gefragt , ob ich bei ihr einen Gastbeitrag schreiben kann – natürlich mach ich das!

Und da ist es – ein Herzensthema, welches mir schon lange auf der Seele liegt, welches immer wieder hochkocht bei einigen Situationen:

Meine Kindheit

und um genauer zu sein – die Erziehung in meiner Kindheit.

geborgenundgeliebt


Mir fehlte meine Bezugsperson als Kleinkind

Ich erinnere mich nicht an sehr viele Sachen als ich noch ein Kleinkind war (erst so ab sechs Jahre), aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich Abends/Nachts am Kinderzimmerfenster saß (war ziemlich weit unten das Fenster) und fremden Leuten zuwunk . Viele haben mir gesagt, ich solle doch ins Bett gehen und ob meine Eltern nicht da seien.

Meine Eltern sind geschieden – meine Mutter ging arbeiten, jedenfalls glaube ich das. Auch tagsüber war ich die meiste Zeit alleine. Den Kindergarten habe ich nur bis zu meinem fünften Lebensjahr besucht – ich war dort nicht sehr beliebt , also war mir das relativ egal – vielleicht aber auch nicht. Ich kannte dort Kinder und war ja doch irgendwie gerne da.

Mir wurde nicht geglaubt

Schon als kleines Mädchen wurde mein älterer Bruder ‚bevorzugt‘, wenn ich es so sagen kann. Er durfte alles (oder vieles) und ich so gut wie nichts. Es wurde immer abgetan mit einem „Er darf genauso viel wie du!“ oder „Weil du ein Mädchen bist!“, wenn ich mich mal verbal gegen Strafen oder Ungerechtigkeiten wehren wollte.

Mein Bruder machte damals viel Mist (was ansich nicht schlimm ist – naja einige Sachen hätten mich fast mein Leben gekostet) und schob mir dann den ganzen Dreck in die Schuhe. Ich wurde dafür bestraft (mit Hausarrest, ab und zu schlägen und Beleidigungen), mir hat man nicht geglaubt, dass nicht ich für diese Taten zuständig war.

Ich war damals sechs Jahre alt, als mein Bruder eine Pflanze in der Wohnung umschubste – die Blumenerde war über all. Meine Mutter kam nachhause und rastete förmlich aus – „Ich war das nicht, das war Lisa!“ , ja, ist ja einfach, die Schuld auf jemand anderen (jemanden, der schwächer, kleiner und jünger ist) zu schieben. Ich büßte dafür – erst nach meiner Strafe – nachdem ich auch Rotz und Wasser geheult habe – hat mir meine Mutter (vielleicht auch unfreiwillig) glauben geschenkt.

Mein Bruder hat mich fast verbrannt

Wir hatten eine ziemlich strenge Erziehung – ich mehr als er, würde ich behaupten, dazu später mehr.

Mein Bruder war oder ist vielleicht immer noch ein ‚kleiner‘ Rebell – er wollte der Gewalt und den Erziehungsmethoden meiner Mutter entfliehen und hat jeglichen Unsinn veranstaltet. Es wurde in der Wohnung geraucht und gekokelt – natürlich als meine Mutter arbeiten war. Auch der ‚tolle‘ und absolut wahnsinnige Flammenwerfer wurde in der Wohnung , direkt vor meinem Gesicht, ausprobiert und für cool und lustig befunden. Dass ich eine scheiß Angst hatte, dass mein Gesicht wegätzt oder die Bude gleich auseinander fliegt, nein, daran wurde nicht gedacht.

Wie wahrscheinlich die meisten Jungs (oder Brüder) konnte mein Bruder mich nicht sonderlich leiden. Ich wurde ziemlich heftig beleidigt (H*re,Sch****e usw waren die gängigsten Beleidigungen) und anfangs bekam er von meiner Mutter noch „Ärger“ wenn er mich so nannte – doch irgendwann wurde ich mit Schlägen und Beleidigungen dafür bestraft, dass ich es ‚gepetzt‘ hatte, dass ich mal wieder auf übelste Weise verbal angegriffen und nieder gemacht wurde.

Wieso ich gerade von meinem Bruder schreibe, wenn es doch um Erziehung gehen soll?

Meine Mutter hat uns so erzogen – sie hat meinem Bruder vorgelebt, dass man mit mir ja machen kann, was man will. Das man als älterer und größerer die Macht hat andere zu schikanieren , zu beleidigen, zu verletzen – physisch wie psychisch.

Als Erziehung gab es Machtkämpfe, die wir oder ich natürlich immer verloren haben. Irgendwann gab es die gar nicht mehr , man hat sich untergeordnet um die Folgen, die Konsequenzen, die Strafen zu umgehen.

Es war aber egal was man getan hat – irgendwann hat man eine Strafe bekommen.

Ich hatte keine tolle Kindheit – sicher, ich hatte einige gute Tage, aber alles in allem – es war ziemlich beschissen, um es mal ganz deutlich zu sagen.

Meine Mutter ist Alkoholikerin und eine Narzisstin

Dass sie eine Alkoholikerin ist zieht wahrscheinlich einige Sachen mit sich – Aggressionen, Schläge, Abwesenheit, Desinteresse, unnatürliche Prioritäten…

Erst in den letzen Wochen/Monaten sind mir die doch sehr auffälligen narzisstischen Züge an ihr aufgefallen. Bisher dachte ich, dass es am Alkohol lag, dass sie mich nicht mochte – aber je mehr ich darüber nachdenke, sie hat mich mein ganzes Leben lang schikaniert , gedemütigt und stellt sich auch heute noch über mich.

„Ich hatte eine viel schlimmere Kindheit als du“, sagte sie des öfteren zu mir und ich sollte mein „tolles“ Leben doch mal zu schätzen wissen und das ich doch so ein Glück mit ihr als Mutter habe.

Nein verdammt, ich bin mit der ganzen Situation nicht zufrieden gewesen: Schläge, Ausraster, Hausarrest, Zwänge, und Freunde?! Die durfte ich nicht haben, und wenn ich doch mal sehr gute Freunde hatte, dann durfte ich sie nicht sehen!

Meine Geburtstage waren einsam

Ich erinnere mich noch an meinen achten Geburtstag. Es waren gerade Sommerferien, wir feierten bei meinem Vater im Garten. Meine Klassenkameraden waren alle eingeladen. Ich stand neben meiner Mutter, sie unterhielt sich mit einer anderen Mutter: „Lisa wird die zweite Klasse wiederholen.“ Sie sagte es als wäre es was ganz normales. Doch diese Frau erfuhr es vor mir. Ich wusste es nicht. Mein ganzer Geburtstag war ruiniert. Eine Welt zerbrach.

Wieso ich die zweite Klasse wiederholen musste? Weil meine Mutter das entschieden hatte. Ohne mich zu fragen, ohne mich aufzuklären, ohne mir irgendetwas zu erklären oder zu besprechen. Ich rannte zu einem Mann (damals mein Stiefvater) , ich heulte und erzählte was ich gehört hatte. Meine Mutter kam zu mir. „Entschuldigung, ich habe dich gar nicht gesehen“ , ja, man übersieht sein eigenes Kind, was direkt neben einem steht ,gerne mal. Lüge. Sie wollte mich bloßstellen. Vor allen anderen.

Ich durfte bei allen weiteren Geburtstagen nur drei Leute einladen – als Teenager schon ziemlich wenig. Aber selbst da kam niemand – und auch an meinen Geburtstagen war ich nicht vor Demütigungen verschont. „Tu dies, tu das. Hol dies, hol das“ – Tag ein, Tag aus. Ich war das persönliche Hausmädchen für meine Mutter – egal was für ein Tag war.

Ich hatte kaum Privatsphäre – und selbst die wurde auseinandergerissen

Im Alter von ca 8 Jahren habe ich angefangen Tagebuch zu schreiben – die Idee, dass man den Tag Revue passieren lässt, die Gedanken und Gefühle niederschreibt, gefiel mir. Und alles bleibt Privat – dachte ich. Falsch gedacht! Meine Tagebücher wurden von meiner Mutter und auch meinem Bruder gelesen. Ich wurde über Tagebucheinträge angesprochen und gedemütigt. Meine Privatsphäre war verschwunden – ebenso meine Tagebücher. Ich hörte auf zu schreiben, fraß all meine Sorgen und Gefühle in mich hinein.

Mein Zimmer – Mein Rückzugsort (ja, auch das dachte ich – mal wieder, falsch gedacht!) wurde regelmäßig zerstört. Es war ihr nicht ordentlich genug (ihr Chaos hat sie nicht gesehen, meins umso mehr) , daher hat sie alles aus den Schränken, Schubladen rausgeschmissen – mitten ins Zimmer. Ich kam nach der Schule nach Hause und sah es. Da sag nochmal jemand „Sieht aus als wäre eine Bombe eingeschlagen“. Denn dieser Spruch hätte da gepasst.
Privatsphäre? Auch nicht mehr in meinem Zimmer möglich.

Auf der weiterführenden Schule ging ich irgendwann zu einem Vertrauenslehrer. Aber auch der half mir nicht – niemand half mir. Niemand half mir und ich fing an suizide Gedanken zu entwickeln. Ich wollte nicht mehr leben – schließlich war ich unnötig, das zeigte man mir jeden Tag, mal mehr, mal weniger.

Mir ist mein Leben zu wichtig um es aufzugeben

Und dieser Gedanke (und das ich eh kein Blut sehen kann, geschweige denn Verletzungen mag) half mir, diese Zeit zu überstehen.

Ich sollte die Schule wechseln, weil ich keine Freunde hatte

Ja, und das wussten dann alle: die Lehrer, die Schüler, einfach jeder. Es war grausam! Und das war gerade mal die Grundschule!

Und – ich hatte Freunde! Die durfte ich aber ja nicht sehen und sie wurden als „schlecht“ betitelt. Natürlich haben sich die dann irgendwann von mir abgewandt. Und dann stand ich plötzlich wirklich eine Zeit lang ohne Freunde da – und wurde dann vorgeführt wie ein weinender Clown in einer Comedy Show – jeder Lacht und man will einfach nur weg. Doch man kommt nicht weg – man muss bei diesem Programm mitmachen und alles über sich ergehen lassen, als hätte man als Mensch, ach was sage ich da, als Kind(!) keine andere Wahl.

Ein Kind hat keine Entscheidungsfreiheit, keine Meinung, keine Selbstbestimmung, kein Schamgefühl, oder allgemein irgendwas. Ein Kind ist eine kleine, leere Hülle: und mit 18 oder manchmal noch später, ist man plötzlich erwachsen und man muss mitreden, man muss sich wehren, man muss entscheiden.

Etwas lernen , was man vorher nicht durfte – weil es unterdrückt werden sollte – das ist verdammt schwer. Noch heute fällt es mir schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen (wenn ich mich denn mal aufraffen kann eine Entscheidung zu treffen, egal ob richtig oder falsch).

Es fällt mir schwer auf Leute zuzugehen, von denen ich aber etwas wissen möchte (seien es Ämter o.ä.), denn ich wurde psychisch runtergemacht, mir wurde kein Selbstwertgefühl und kein Selbstvertrauen vermittelt, aber ganz plötzlich soll ich das alles können – am besten, ohne dass ich mich schäme, mir schlecht vorkomme oder in Standardsituationen knallrot anlaufe.

Mir hätte es als Kind so gut getan, wenn ich jemanden gehabt hätte (idealerweise eine Mutter oder einen Vater), der mir zeigt, dass es in Ordnung ist Angst zu haben jemanden anzusprechen, aber er/sie für mich da ist und mir hilft, sollte ich Hilfe benötigen.

Jemand, der mir vorlebt , wie man auf Menschen zu geht.

Jemand, der mich als Kind Entscheidungen treffen lässt.

Das fehlt alles – und niemand kann mir das wieder geben.

Von einer erwachsenen Frau wird verlangt, dass man sowas kann.

Doch ich kann es nicht – ich kann es nicht einfach ändern , ich fühle mich Hilflos und alleine mit meiner Situation. Natürlich überwinde ich mich zu ziemlich unangenehmen Sachen – aber nur wegen meiner Kinder, damit ich ihnen ein gutes Vorbild bin.

Meine Kindheit (sehr kurz zusammengefasst!) ist eine recht krasse Geschichte – und niemand kann mir meine Kindheit wieder geben.

Die Kindheit ist der Anfang für alles. Die Kindheit ist so kurz, aber wahrscheinlich das Wichtigste für den Rest des Lebens.

Wäre ich richtig und bedürfnisorientiert durch meine Kindheit begleitet worden – ich wäre heute ein anderer, mit großer Wahrscheinlichkeit, selbstbewussterer Mensch als jetzt. Ich würde nicht an meinen Taten (ver-)zweifeln und einige (Standard)Sachen wären viel einfacher zu lösen.

Ein kleiner Appell an alle:

Eine strenge Erziehung (oder allgemeine Erziehung) kann viel mehr Schaden anrichten als man denkt. Ich habe zwar eine ‚außergewöhnliche‘ Mutter, aber auch ihre Erziehungsmethoden waren nicht ohne und nagen an meiner Seele.

Ich sage nicht: „Seid alle lockerer !“, sondern begleitet Eure Kinder! Seid für sie da, nicht nur in den guten Zeiten, gerade in den schweren Zeiten brauchen sie Euch!

Hört mit den Machtkämpfen und den Strafen auf , sie tun den Kindern psychisch weh und sie bekommen das Gefühl sich unterzuordnen / weniger Wert zu sein!

Die Kindheit ist soviel mehr als Bauklötze stapeln und sich zu verkleiden – es bedeutet sich selbst kennen zu lernen, selbstvertrauen aufzubauen, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und das Selbstbewusstsein zu stärken.

Partizipation und auch Empathie ist so wichtig. Wie sollen unsere Kinder sowas lernen, wenn man selber nicht so mit ihnen umgeht?

Und genau diese Sachen können unsere Kinder lernen, wenn man ihnen die Freiheit dazu gibt.
#gegenErziehung

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6 Kommentare zu „#gegenErziehung von geborgen und geliebt {Gastblogger-Woche}

  1. Das ist ziemlich krass. 😳 Kleine Triggerwarnung wäre vielleicht gut… Nur so als Idee.

    Liebe Lisa.
    Ich kenne Dich nur virtuell aber ich mag Dich gerne. Ich finde Du bist eine starke, tolle Frau und Mutter. Deine Kindheitserinnerungen sind schrecklich und das wünscht man wirklich niemandem. 😔
    Kennst Du Alanon?
    Liebe Grüße, Anita

    Gefällt 1 Person

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