Kindergartenstories

Als mein Angsthase die Welt entdeckte und mein Baby flügge wurde {über das Loslassen}

Momentan passiert ganz viel bei uns. Viele nicht-alltägliche Ereignisse reihen sich bisher in diesem Jahr aneinander und ein ganz bisschen vermisse ich schnöden Alltag – damit wir als Familie auch wieder ein wenig mehr zu Ruhe kommen. Es ist derzeit für meinen Geschmack etwas zu geballt, aber alles selbstgemacht. So sind wir drei Damen die letzten Wochen bis Monate kaum zuhause gewesen: zwischen dem Großfamilien-Skiurlaub und der Mutter-Kind-Kur lagen in der kurzen Zeitspanne von zwei Wochen noch mal eben die Übernachtungen meiner Mädels mit dem Kindergarten.

Loslassen – bitte Mama!

Das Begleiten und Loslassen empfinde ich ja so ein wenig als die Königsdisziplin des Eltern-seins. Ich muss da immer an mein Studium denken, wenn es um das Übersetzen von Texten ging:

So genau wie nötig, so frei wie möglich!

Mit dem Begleiten und Loslassen stelle ich mir das genau so vor:

Soviel Begleiten wie nötig, soviel Loslassen wie möglich!

Ich scheine den Eindruck einer relativ gelassenen, vielleicht gar coolen Mama zu machen, aber das ist nur Fassade. Meine Kinder loszulassen, ist für mich selbst jedes Mal mit Angst verbunden, Angst um mein Leben, also meine Kinder. Meistens kann ich mich selbst ganz gut beruhigen. Ich mute meinen Kindern nicht mehr zu als sie können und wenn ich sie anderen anvertraue, dann vertraue ich diesen Menschen eben auch. Doch diese hundertprozentige Sicherheit, dass wirklich alles gut ist und bleibt, die gibt es natürlich nicht.

Doch wäre es fatal, meine Kinder deswegen nicht zu stärken, selbständig ihrer Wege zu gehen. Und so stand für mich außer Frage, dass ich beide Mädels für die Kindergarten-Fahrt anmelden würde. Die beiden gehen noch in zwei verschiedene Gruppen. Beide wollten nacheinander (nicht gemeinsam) für 2 Übernachtungen und ziemlich genau 48 Stunden in ein Landschulheim, 30 Minuten von uns entfernt, fahren; so, wie es ihr Kindergarten nun einmal alle 2 Jahre tut, während es in dem anderen Jahr immer eine Übernachtung im Kindergarten gibt, die MaxiL im letzten Jahr tapfer, stolz und überglücklich gemeistert hatte. Bedenkt man, dass unsere Kinder (mangels Familie in der Nähe), noch nie ohne einen von uns woanders geschlafen haben, war das ein Erfolgserlebnis für unsere ängstliche MaxiL, dass wir dementsprechend gefeiert haben.

48 Stunden Funkstille

Dieses Jahr aber hieß es nun aber „Level Up“ für unsere Große: nicht nur eine Übernachtung im Kindergarten mit gerade mal 18 Stunden Trennung, sondern gleich zwei Übernachtungen an einem ihr fremden Ort und das in Stunden gerechnet gleich 48.

Schnuppi hatte Angst.

Wir haben das Thema gar nicht groß hochkommen lassen, das Wort „Angst“ komplett aus unserem Vokabular gestrichen und sie darin gestärkt, dass sie das kann. Zudem habe ich ihr – wie schon im Vorjahr bei der einen Übernachtung – das Versprechen gegeben, dass sie es nur versuchen und nichts aushalten muss, wenn es gar nicht geht. Sie wusste, das Telefon würde ich immer bei mir haben – Tag und Nacht. Ein „vorsichtshalber abbrechen“ wurde damit nicht nötig, denn sie könnte jederzeit anrufen lassen, wenn es nicht mehr ginge.

Und dann war der Tag da und Schnuppi weinte beim Abschied. Nun mag es für Außenstehende hart klingen, dass ich mich umso schneller verabschiedete und fuhr, doch kenne ich das schon zur Genüge von ihr; auch beim morgendlichen Abgeben im Kindergarten, wenn ich keine vier Stunden später schon wieder zum Abholen parat stehe. Und auch diesmal sollte es so sein, dass sie sich schon beruhigt hatte, kaum war ich aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Doch das erfuhr ich nicht, also nicht in bestätigenden Worten sondern nur durch das Wissen, dass sie sich in dem anderen Fall natürlich bei mir gemeldet hätten. Doch so hörte ich endlos lange 48 Stunden gar nichts von meinem Kind. Planmäßig. Und ja, auch in diesem Fall galt: keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Denn sie hätten sich nur gemeldet, wenn etwas gewesen wäre.

Die Trennung von meiner Schnuppi war das eine. Darauf hatte ich mich so gut es ging eingestellt. Das verlassene Kinderzimmer konnte ich trotzdem nicht mit schleier-freiem Blick betreten… Das andere war jedoch tatsächlich, über eine Zeitspanne von 48 Stunden rein gar nichts von seinem Kind zu erfahren oder mitzubekommen. Nichts. In der heutigen Zeit, wo man dauererreichbar und vernetzt ist, schon unvorstellbar geworden.

„Mama, meine Schwester kann jetzt wiederkommen. Ich hab sie doch lieb!“

Auch MiniL hatte sehr an der Trennung zu knapsen. Sie verstand ihre Welt nicht mehr und hoffte regelrecht, dass ihre MaxiL nun wieder heimkommen würde. Man hätte ja meinen können, sie würde das nicht gekannte Einzelkindleben in vollen Zügen auskosten, aber es war ihr einfach unheimlich. Dennoch habe ich versucht, diese Zeit ganz besonders auf MiniL zu verwenden und mit ihr schöne Mama-Tochter-Momente zu kreieren und zu genießen. Doch hat sie tatsächlich auch die Ruhe im Haus genutzt, das einzige Kind zu sein und hat sich das ein oder andere Mal im Spielen ganz für sich verloren… Wundervoll zu beobachten – so ganz heimlich durch den Türspalt, um ja nicht zu stören.

Doch an beiden Morgenden war die erste, brennende Frage, wenn MiniL wach wurde: „Ist meine Schwester wieder da?“ Am zweiten Morgen konnte ich ihr dann das Versprechen geben, dass ich sie zusammen mit ihrer so innig geliebten und vermissten Schwester wieder abholen würde, denn die holte ich während der Kindergartenzeit der Kleinen wieder ab und schloss sie fest in meine Arme!

Für andere war das vielleicht nur ein kleines Abenteuer, nichts Erwähnenswertes. Für mein Angsthäschen war das ein enorm großer Schritt, den sie da gemeistert hatte!

Und dann kam der Moment, wo sich die Schwestern wiedersahen und mein Mamaherz bei diesem Anblick vor Liebe platzte!

Ein gemütliches Mittagessen später, habe ich die erschöpfte MaxiL dazu überreden können, sich ein wenig auf dem Bett auszuruhen – aber ohne mich ging da nichts

 


18 Stunden wie die Großen

Und auch wenn die dreitägige Ausfahrt für beide Gruppen geplant war, so kam sie bei MiniL aus diversen Gründen nicht zustande. Trotz dessen ich sie dafür angemeldet hatte, war ich schon froh, dass es auch für sie, gerade mit ihren zarten 2 3/4 Jahren, nun langsam mit nur einer Übernachtung im sicheren Umfeld des Kindergartens starten würde – und das war aufregend genug!

MiniL freute sich sehr auf die Übernachtung, aber konnte sie wirklich (be)greifen, was da kommen würde? Ich glaube nicht. Es lag nur eine Nacht zwischen MaxiL’s Rückkehr und der Kindergarten-Übernachtung von MiniL und somit nur eine Nacht zum Luftholen, in der die ganze Familie beisammen war. Sie erzählte zwar jedem, dass sie nun im Kindergarten übernachten würde, aber als wir dann zum Kindergarten hinfuhren, nur wir zwei, da sagte sie dann „Mama, ich will nicht im Kindergarten schlafen!“ Dass sie das tatsächlich schon vorher sagen würde, hatte ich nicht erwartet. Wir machten aus, dass wir ihr „Bett“ / Lager sicherheitshalber aufbauen würden und sie nachmittags und abends eben ganz normal den Kindergarten hätte, wie sonst vormittags. Ich versicherte auch ihr, dass ich sie jederzeit abholen könne, wenn sie wolle.

Und ich war mir so verdammt sicher, dass der Anruf kommen würde. Mein kleines Baby, dass auch noch kund getan hatte, dass es doch nicht dort schlafen wolle… Der Anruf würde kommen, garantiert. Gleich. Noch 5 Minuten wach bleiben. Das Telefon wird gleich klingeln…

Bis Mitternacht harrte ich im Wohnzimmer aus – alleine. Der Rest schlief selig. Mit Festnetzapparat und Mobiltelefon neben dem Bett fiel auch ich irgendwann in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder schreckte ich hoch und starrte voll Nervosität auf die Telefone, ob ich wohl einen Anruf überhört hätte. Aber nichts!

Mein Baby wuppte tatsächlich die Übernachtung im Kindergarten! Und zwar mit links, wie ich beim Abholen erfuhr. Sie hatte einen solchen Spaß bei Schatzsuche, Lagerfeuer und „Kino“, dass sie erst überzeugt werden musste, sich überhaupt hinzulegen. Und kaum lag sie, schlief sie… 😀


Es war eine sehr aufwühlende Woche für mich. Liebe, Sehnsucht, Vermissen und Stolz vermischten sich zu dem typischen Gefühlsmix, den Eltern oft mit sich rumtragen. Und so bleibt, dass ich so froh, erleichtert und stolz bin, dass wir alle dieses Abenteuer so toll gemeistert haben. Beiden Kindern kann ich mit ihren verschiedenen Hintergründen und dem unterschiedlichen Alter nur mein größtes Lob aussprechen, dass sie das geschafft haben!

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Hier sind Eure Flügel – fliegt los…

In Liebe
Eure Mama

 

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7 Kommentare zu „Als mein Angsthase die Welt entdeckte und mein Baby flügge wurde {über das Loslassen}

  1. Oh, ich kann deine Gefühle nachempfinden! Ich bekomm schon ein Magengeschwür wenn ich nur daran denke, dass sie irgendwann woanders schlafen werden.. Super habt ihr drei das gemacht! Fühl dich gedrückt :*

    Gefällt 1 Person

  2. Ich kann das so gut verstehen! Mir geht es schon jetzt so, wenn ich Schmatzipuffer nur kurz zu einem Spaziergang abgebe (hab dazu auch einen Artikel geschrieben). An eine ganze Nacht will ich gar nicht denken!
    Ich finde das du das ganz toll machst! ❤

    Liebe Grüße,
    Kathi

    Gefällt 1 Person

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