aus dem Mama-Leben

Mein Kind hat einfach nur einen Bock!

Einen wahrhaft traumhaften Geburtstag durfte ich auf meiner Lieblingsinsel erleben. Nicht nur das Wetter, auch die Stimmung war eitel Sonnenschein: mit einem Mann, der mir morgens als erstes nicht nur meine liebsten Rosen sondern auch noch flott leckeren Lachs fürs Frühstück geholt hat; mit Töchtern, die mir den ganzen Tag über immer wieder gratuliert, unzählige Male für mich gesungen haben und mich mit einer solchen Anzahl wahrer Kunstwerke beschenkt haben, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, mir das binden zu lassen; und der -last but not least – eine kulinarische Gaumenfreude war! Ich stellte fest: es braucht keinen runden Geburtstag, um einen ganz besonderen zu haben! Das war am Mittwoch letzter Woche…

…und am nächsten Tag, dem Donnerstag?

Mein Kind hat einfach nur einen Bock!

Am Donnerstag war alles sehr grau – und auch das meine ich wieder nicht einfach nur wettertechnisch… Wir waren gerade unterwegs, die Mädels haben in der City einen Crêpe gegessen, wir ein Fischbrötchen. Von dort wollten wir direkt an den Strand Muscheln sammeln. Auf der Kurpromenade angekommen kam – aus dem Nichts – der MEGABOCK von Knupsi = dem kleinen rosa Etwas da auf der Bank.

trotzkopf-knupsi

Aus dem Nichts ging einfach wirklich gar nichts mehr… Sie rührte sich nicht vom Fleck. Sie wollte keinen Meter mehr laufen, sie wollte nicht ins Haus zurück, sie wollte nicht an den Strand. Also habe ich sie einfach erst einmal gelassen.

Ja, sie hat öfter mal ein kleines Böckchen

Ja, MiniL hat öfters mal einen kleinen Bock. Mit öfter meine ich nicht täglich, aber durchaus mehrmals in der Woche, jedoch nicht mehrmals am Tag. Meist sind es so 10 bis 15 Minuten, wo man sie einfach nicht erreichen kann. Dann haut sie  von sich aus in ihr Zimmer ab und kommt wieder, wenn es vorbei ist, um nicht selten „jetzt geht es wieder“ zu konstatieren. Sie ist dann wirklich gefangen in ihrer unerklärbaren Wut, die sie ganz auslebt. Ich finde es beeindruckend, wie sie selbst damit umgeht. Sie nimmt sich ihre Auszeit, die sie dann braucht. Und seit ich weiß, dass ich sie einfach nur gewähren lassen muss, kommen wir da ganz wunderbar mit klar. Denn dann kommt sie irgendwann wieder, als ob nichts sei und lässt wenn überhaupt noch obigen Satz dazu raus.

Ein Bock in der Öffentlichkeit

Anders sieht es mit den Situationen aus, wo sie ihren ganz starken, eigenen Willen zeigt. Paradebeispiel ist wohl „die Supermarktkasse„. Ich denke, viele von Euch wissen bereits, worauf ich hinaus will. Da steht man in der Schlange an der Supermarktkasse und neben einem all die kleinen Schokoriegel, Überraschungseier und sonstigen handlichen Leckereien zu ach so kleinen Preisen, wovon man doch mal eben eine bekommen könnte. Da meine Kinder durchaus in Maßen Süßigkeiten essen dürfen und wir entsprechend im Supermarkt selbige einkaufen, gibt es an der Kasse kein „Extra“ dazu. Selbstredend, dass trotzdem öfter mal die Frage an der Kasse aufkommt und während MaxiL das Nein als solches akzeptiert und sich auf eine Handvoll freier Auswahl im Süßigkeitenschrank zuhause freut, wird MiniL eben sauer, sehr sauer, sehr-sehr sauer: brüllen, schreien, wütend aufstampfen oder auf dem Arm „gefangen“ wild um sich fuchtelnd. Das sind die Situationen, die ich gerne aushalte, zu gerne. Mein Kind zur „Raison“ bringen? Nein, denn weder ich noch gar kein Kind kann etwas dafür; das ist von den Supermärkten selbstgemacht und daher dürfen sie die verständlichen Reaktionen von Kindern bitte gerne aushalten. Alternativ würde ich es ihnen auch durchaus gestatten, meinen Kindern davon etwas kostenlos mitzugeben – aber ich schweife ab… Zurück zum letzten Donnerstag.

Ein Bock wie noch nie zuvor

Finden die Böcke zuhause oder im Supermarkt von alleine ein Ende, war diese Situation für uns alle neu. Es gab kein Beenden durch Verlassen des Supermarktes und es gab auch keinen Rückzugsort, um ihren Bock ausleben zu können. Jetzt und hier konnte sie nirgendwo hin. So saß sie auf der Bank und schrie auf jedes gute Zureden von mir laut „NEEIIN!“

Ja, wir fielen damit natürlich auf – keine Frage. Meine erste Handlung: Schnuppi mit dem Mann schon einmal vorschicken, Muscheln suchen. Wenn wir hier alle rumstehen würden, würde es die Situation nicht gerade entschärfen.

Dem Bock Zeit geben

Und ich? Ich harrte einfach erstmal aus. Ich wartete ab und setzte darauf, dass die Zeit es schon regeln würde – auch hier, eben wie sonst auch. Aber so in der Öffentlichkeit schaffte Knupsi es nicht, aus ihrem Bock herauszufinden. Und auch wenn mir bewusst war, dass man sie während ihrer Trotzanfälle nicht wirklich erreichen kann, blieb mir ja keine andere Wahl, als es zu versuchen. Wir konnten hier ja nicht ewig sitzen – dafür war es dann doch zu frisch und windig.

Also ging es lustig los mit ausprobieren.

„Knupsi, wenn Du auch noch Muscheln suchen willst, dann komm jetzt bitte!“ – „NEIN!“

„Knupsi, ich gehe jetzt. Kommst Du mit?“ – „NEIN!“

„Ich gehe jetzt – tschüß!“ – „NEIN!“

[…]

Ich war wirklich ratlos. Okay, wir hatten keinen Zeitdruck im Nacken, immerhin, aber ich hatte schon Sorge, dass das Kind da so im kalten Wind hockte. Ich gab uns noch etwas Zeit, wartete mal fünf bis maximal zehn Meter entfernt. Das Kind immer 100%ig im Blick zu jeder einzelnen Sekunde.

Die Bescheidwisser

Natürlich gingen zig Passanten an uns vorbei und die Reaktionen waren vielfältig. Die, für die ich wirklich dankbar bin, waren die ehrlich mitfühlenden, die wissenden Blicke, das Verständnis, das stumme! Doch das war nicht die Mehrzahl. Ich habe nicht gezählt, wie viele uns regelrecht ausgelacht haben. Ach wie witzig! Nicht! Ja, ganz furchtbar süß so ein Kind, welches im eigenen Bock gefangen ist und sowohl die Mutter als vor allem aber auch sich selbst verzweifeln lässt. Fast stört mich dieses Auslachen mehr als die bösen und genervten Blicke, die uns ebenso in nicht gerade geringer Häufigkeit passierten.

Als nach ungefähr einer halben Stunde zwei älteren Damen nicht rafften, dass ich zu diesem Kind dort gehörte und schon die Polizei rufen wollten, hielt ich es an diesen Bänken nicht mehr aus.

Ich versuchte, sie auf den Arm zu nehmen, wo sie sich schreiend hin und her wandt… immerhin 10 Meter geschafft.

Ich versuchte, sie an die Hand zu nehmen und schleifte dabei ein sich wehrendes Etwas neben mir her… nochmal 10 Meter… vielleicht.

Hinter ihr gehend versuchte ich, sie vorsichtig vor mir her zu schieben… 

…und genau so, mit wütendem Gebrüll seitens Knupsi, schoben wir uns auf dem engen Bereich zwischen den Buden, den Menschenmassen und all dem Trubel des Surf-Weltcups, der zu dem Zeitpunkt eben dort in Westerland auf Sylt seinen Jahresabschluss und Höhepunkt hatte, hindurch… Zentimeter um Zentimeter – jeden einzelnen von mir mit viel Nerven und Vorsicht erkämpft. Den herabwürdigenden Blicken all der Menschen dort ausgesetzt, die so vielfältig waren, wie die Menschen selbst: die genervten supercoolen Surfertypen, die entsetzten High-Society-Botox-Weibsen, die sich schlapplachenden Teenager – und aber dankbarerweise auch die mitfühlenden Reaktionen der Mitwisser, der Auch-Kenner, eben der anderen Eltern.

Fast geschafft!

Irgendwann hatten wir den Affenzirkus des Surfworldcups hinter uns gelassen und erreichten unseren ruhigen Strandabschnitt, wo ich alsbald den schnuppispapa mit Schnuppi entspannt und ausgelassen am Strand spielen sah. Fast geschafft! Doch noch immer musste ich mir jeden Zentimeter Vorankommens erkämpfen, als eine Frau mit ihrem Hund plötzlich neben uns auftauchte. Sie beobachtete uns zwei, drei Minuten, ging dann auf MiniL zu und vor ihr in die Knie: „Möchtest Du mal die Leine nehmen?“ Ich war mir erst nicht sicher, was ich von diesem „Eingreifen“ halten sollte, aber vielleicht habe ich die Erschöpfung und Hilflosigkeit, die ich in mir spürte, aber nicht rauslassen wollte, doch ein Stück weit nach außen gezeigt. Und so setzte ich jetzt auf Knupsis unendliche Liebe für Tiere und vor allem Hunde, über die sie eigentlich immer sofort regelrecht herfällt. Und nun bekam sie zum ersten Mal das Angebot und die Chance, einen Hund an der Leine führen zu dürfen – doch was passierte? Sie ließ die Leine einfach wieder fallen! Sie konnte nicht aus ihrer Haut! Gerade beim anschließenden Revue passieren lassen, fällt mir hier auf, wie gefangen sie in ihrem Bock, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung war. Sie fand keinen Weg hinaus. Glücklicherweise kam dann unser Strandübergang, wo wir auf Schnuppi und den schnuppispapa trafen, von dem ich ab dort dann Unterstützung hatte = er trug sie einfach die letzten 200 Meter.

Was war nur los?

Letztendlich haben wir für den Weg, für den wir mit den Mädels je nach Verfassung mal 15 und auch mal 20 Minuten brauchen, über anderthalb Stunden gebraucht. Und ich brauchte danach auch einfach erst einmal Zeit für mich.

Ich bin schon stolz auf mich, dass ich wirklich die ganze Zeit ruhig geblieben bin.
Im gleichen Maße jedoch bin ich darüber erschrocken wie, insgesamt betrachtet, die Reaktionen auf uns ausfielen.

Mein Kind hatte doch einfach nur einen Bock.

Keiner der Passanten konnte von der extremen Dauer wissen, keiner konnte wissen, was es damit auf sich haben könnte – aber alle demonstrierten ihre Meinung dazu.

Und wisst Ihr was?
Lasst das doch zukünftig einfach sein, Ihr Leute da draußen!

Denn wenn ich nicht zuliebe meines Kindes nun einmal unbedingt ruhig hätte bleiben wollen, dann hätte ich Euch sowas von den Marsch geblasen! Ich weiß nicht, was Ihr Euch herausnehmt, so unverschämt zu reagieren. Als wäre es nicht das normalste von der Welt, dass Kinder mal einen „Bock“ haben. Und somit reihe ich wieder etwas in die Liste der Dinge ein, die mir zeigen, wie unwillkommen wir in der Gesellschaft sind, obgleich wir für die Zukunft selbiger sorgen.

We are Family

Vor allem aber wünsche ich mir für uns und von mir selbst, dass ich es auch außerhalb des Urlaubs, trotz weniger Ruhe und dafür wieder mit Zeitdruck, Stress und Co., so gelassen mit diesen Böckchen umgehen zu können wie hier. Denn das macht mir bei der ganzen Situation ein viel besseres Gefühl. Ich bin froh, dass uns dieser „besondere Bock“ hier im Urlaub erwischt hat und ich dadurch gemerkt habe, wie wir noch besser mit diesen Situationen zurecht kommen können.

Auch möchte ich immer im Hinterkopf behalten, was mir schon viele Leute dazu gesagt haben: „Mein Kind ist eine immer authentische Person mit einem starken Willen – sie wird ihren Weg gehen!“ Und genau so ist es!

Und nicht zuletzt möchte ich mich vor allem bei unserer Großen, unserer Schnuppi, bedanken, die diese Böcke ihrer Schwester so ruhig mit(er)trägt, sich währenddessen selbst zurücknimmt und abwartet. Ich bin so unendlich dankbar für dieses gelebte Familie. Ja:

We are Family!

Und so kann uns keiner was – ha!

Eure schnuppismama

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8 Kommentare zu „Mein Kind hat einfach nur einen Bock!

  1. Ohja. Das kenne ich von meiner Tochter und von meiner Enkeltochter auch.
    Da funktionierte aber zumindest das: ich geh jetzt weiter… zu 90% 🙈
    Halte durch, in ein paar Jahren werdet ihr darüber herhaft lachen können.
    LG

    Gefällt 1 Person

  2. Liebes, du hast dich ganz wunderbar geschlagen! Ich kenne diese Situation nur zu gut, denn mein Schmatzipuffer hat mit seinen 15 Monaten, schon einen ausgeprägten Willen und weiß oft noch nicht wohin mit seiner Wut. Ich habe gelernt, alle Menschen um mich herum auszublenden, denn oftmals reagieren diese völlig unangebracht. Ich sehe meinen bockenden Schmatzipuffer und mich und versuche ihm irgendwie, aus der Situation zu helfen. Manchmal klappt es schneller und manchmal langsamer, aber ich gebe ihm die Zeit, die er braucht.
    Danke für deinen tollen Artikel, jetzt fühle ich mich in wunderbarer Gesellschaft!😘
    Lg Kathi

    Gefällt 1 Person

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