aus dem Mama-Leben

Fehlgeburt – (K)ein Tabu (?)!

Definition Fehlgeburt:
„Eine Fehlgeburt […] ist eine vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft durch Ausstoßung und/oder Absterben einer unter 500 Gramm wiegenden Frucht.“
(Quelle & vollständiger Text: http://de.wikipedia.org/wiki/Fehlgeburt)

Lässt man den gewünschten Abbruch außen vor – das ist ein anderes Thema – bleibt die Frage, wie oft so etwas passiert?
„Etwa 15 % aller klinischen Schwangerschaften enden als Fehlgeburt. Die Gefahr, dass Kind zu verlieren, ist am Anfang der Schwangerschaft am größten und reduziert sich mit zunehmender Schwangerschaft. […] Etwa 80% der Fehlgeburten passieren in den ersten 12 SSW. Als Ursache hierfür geht man davon aus, dass der Embryo nicht lebensfähig gewesen wäre. Der frühe Abort stellt daher sozusagen einen „Schutzmechanismus“ der Natur dar.“
(Quelle & ganzer Text: http://kinderwunsch-uni-bonn.de/Haeufigkeit-von-Fehlgeburten.16984.0.html)

Soweit die Fakten – doch diese Frauen, denen das passiert…
Wer sind sie? Wo sind sie? Wie leben sie damit?
Eine dieser Frauen bin ich. Ich bin hier. Und ich hatte damit ganz schön zu kämpfen!

Wenn man nach langer Zeit endlich den ersehnten positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält, dann ist man unendlich glücklich und froh! Man könnte die ganze Welt umarmen – und am liebsten würde man der ganzen Welt das Glück SOFORT mitteilen! Aber da klingelt direkt diese Warnung im Ohr „lieber die ersten 12 Wochen abwarten“. Wirklich? Ich glaube an unser Kind – ich gehöre ganz bestimmt nicht zu denjenigen, denen „das“ passiert! Aber wir schweigen – sogar zunächst gegenüber der Familie. Erst einmal den Termin bei der Gynäkologin abwarten. Leider müssen wir auf den lange warten und dann kann mein Mann noch nicht mal mit.

Ich werde diese Untersuchung nie vergessen. Da sitze ich auf diesem Stuhl, hoffnungsfroh, gespannt, neugierig… Und dann dieser ernste Blick der Gynäkologin auf den Bildschirm, auf den ich selber leider nicht gucken kann. Sie sagt nichts – eine gefühlte Ewigkeit SCHWEIGEN! Und dann die arg sachlich-trockenen Worte: „Das wird wohl nix.“ Das sitzt. Ich selbst nun nicht mehr dazu in der Lage, noch Gefühle zu zeigen, erlebe ich den Rest des Termins wie in Trance. Ich höre, was mir gesagt wird, aber ich kann es nicht begreifen: „Wir haben jetzt Weihnachtsurlaub. Wenn Sie zwischen Weihnachten und Neujahr Blutungen bekommen, fahren Sie bitte ins Krankenhaus.“

Keine Blutungen zwischen Weihnachten und Neujahr – nein, direkt am Neujahrstag. Nicht viel, aber genug, um mir Angst zu machen – Angst, die ich seit dem Termin bei der Gynäkologin bereits in mir trage. Angst bei JEDEM Toilettengang, Angst bei JEDEM Zwicken… ANGST um unser Kind!

Also ab in die Notaufnahme. Man will unser Kind noch nicht aufgeben. Für die 9. SSW (SSW = Schwangerschaftswoche) ist nicht genug zu sehen. Es wird Blut abgenommen. Ich soll nach dem Wochenende, am 4. Januar wiederkommen. Außer, wenn richtig starke Blutungen einsetzen, dann soll ich sofort wiederkommen. Am 4. Januar soll dann ein Vergleichs-hCG-Wert (hCG=humane Choriongonadotropin – allgemein bekannt unter „Schwangerschaftshormon) genommen werden. Für den Fall, dass der Wert nicht, wie nötig, steigt oder gar sinkt, soll ich nüchtern kommen, damit direkt eine Ausschabung gemacht werden kann.

Ich komme nüchtern, nach einer durchweinten Nacht, mein Mann an meiner Seite. Mir wird Blut abgenommen. Ich habe starke Bauchschmerzen. Ich habe Blutungen. Ich könnte schreien vor Schmerzen. Ich werde nochmal untersucht. Sieht unverändert aus. Wir warten auf die Blutergebnisse, und warten und warten und warten… Nach und nach trudeln weitere Patienten ein. Neben uns nehmen 3 Frauen Platz, eine Mutter und ihre beiden jugendlichen Töchter. Sie sind ausgelassen – endlich wird die eine Jugendliche gleich „den Zellhaufen“ in ihrer Gebärmutter los. Wir warten weiter. Ich habe höllische Schmerzen, kann kaum mehr sitzen. Nun nimmt noch eine Frau mit ihrem Neugeborenen neben uns Platz und wartet auf ihre Abschlussuntersuchung. Wäre ich nicht so bewegungs- und handlungsunfähig ob der physischen, aber auch psychischen Schmerzen, würde ich wohl wegrennen. Unerträglich ist es für mich, mit diesen anderen Frauen zu sitzen und zu warten.

Irgendwann kommt dann endlich die Ärztin, teilt mir das bereits Befürchtete mit: der Wert ist leicht gesunken, die Schwangerschaft ist nicht intakt. Ich bekomme Tabletten, die die OP erleichtern sollen. Dann geht es zum Narkosearzt – ein attraktiver Mann. Vielleicht träum ich dann ja was Schönes… Ich unterschreibe seinen Wisch. Weiter geht’s. In den Vorraum darf mein Mann noch mit. Ich gebe ihm meinen Schmuck, dann einen Kuss. Eine sehr freundliche, gar liebevolle Krankenschwester nimmt sich meiner an. Hilft mir ins OP-Hemd, legt mir einen Zugang. Ich weine – hauptsächlich vor Schmerzen. Sie fragt mich, wie alt ich sei. Oh wie peinlich, klar, in meinem Alter weint man nicht mehr. Nein, sie will mir nur Mut machen, dass ich noch so jung bin und mein Kind eines Tages noch in den Armen halten werde. Sie erzählt mir, wie spät sie erst Mutter wurde. Ihre ruhige Art hilft mir. Dann geht es in den OP. Ich klettere auf den OP-Stuhl. Sieht kaum anders aus als beim Gynäkologen. Nur dass meine Beine festgeschnallt werden und ein „Mülleimer“ vor den Stuhl geschoben wird. Ich kann nicht mehr. Und ich will mein „Baby“ behalten! …und schon bekomme ich die Narkose…

Ich bin lange krankgeschrieben. Mein hCG-Wert sinkt extrem langsam. Eine weitere OP steht im Raum, die dann glücklicherweise doch nicht nötig ist. Viele fragen mich, was ich denn hatte. Ich mag es gar nicht sagen. Möchte diese schlimme Sache keinem zumuten und antworte oft mit „Das möchtest Du gar nicht wissen.“ Bin ich so unfähig, ein Kind auszutragen? Ich kenne niemanden, dem das auch passiert ist.

Aber ich habe Redebedarf. Und so erzähle ich es nach und nach doch, wenn ich gefragt werde. Und plötzlich bekomme ich ganz oft die Antwort: „Ich hatte, bevor wir unsere/n Kleine/n bekommen haben, auch eine Fehlgeburt.“ Auf einmal sind da ganz viele andere, denen das gleiche, so oder so ähnlich, passiert ist. Wir sind ganz viele! Warum wusste ich das vorher nicht? Die Frage stellt sich mir nur rhetorisch, denn ich kenne meine eigenen Beweggründe, warum ich es erst gar nicht und dann auch nur schwer erzählen, ja zugeben konnte.

Heute ist das anders. Wenige Wochen nach der Fehlgeburt hielt ich erneut einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen – und das völlig überraschend, denn wir hatten „aufgepasst“, damit sich mein Körper erst einmal regenerieren kann – ja liebe Mädels und Frauen, aufpassen klappt in der Tat nicht 😉 !!!. Und so machte sich im sogenannten Pausenzyklus unsere Tochter auf den Weg.

Die ersten Wochen sind voller Angst. Meine neue Frauenärztin reagiert toll: ich darf anfänglich oft zum Ultraschall kommen. Früh sehen wir das kleine Herzchen schlagen. Dann folgen die Stupser… und keine 10 Monate nach der Fehlgeburt halten wir unsere gesunde, wunderschöne Tochter in den Armen!

Die Abschlussuntersuchung führt uns genau wieder zum gleichen Wartebereich wie vor der Fehlgeburt. Wir betreten den Flur und mein Mann flüstert mir zu: „Wir setzen uns da nicht hin, wir gehen da schnell dran vorbei. Wer weiß, ob da gerade wieder jemand sitzt so wie wir Anfang des Jahres…!“ Ich könnte ihn knutschen für soviel Feingefühl! …und so eilen wir am Wartebereich regelrecht vorbei und stellen uns einfach direkt vors Untersuchungszimmer.

Heute ist unser „Persona-Wunsch-Kind“ schon anderthalb Jahre alt und ich gehe ganz offen mit meiner Fehlgeburt um. Und als jetzt überglückliche Mama fällt es einem gleich nochmal leichter über das Thema Fehlgeburt zu reden. Insbesondere bei Mama-Kinder-Treffen/-Kursen kommt es immer mal wieder zur Sprache. Ich erzähle heute ganz selbstverständlich davon und ich wünsche mir, dass es mir viele gleich tun. Es gibt nichts Schlimmeres als sich nach einer Fehlgeburt alleine zu fühlen. Wir sind VIELE! Und es ist keine Schande und kein Makel! Es tut schon so genug weh – da darf es nicht zum Tabu-Thema werden!

Unser Sternchen ist unvergessen! Und immer, wenn „unser Sternchen-Lied“ gespielt wird, schaue ich in den Himmel und streichle meinen Bauch…

„Es fällt mir schwer ohne dich zu Leben, jeden Tag zu jeder Zeit einfach alles zu geben… […] Ich denke an so vieles seitdem du nicht mehr bist, denn du hast mir gezeigt wie wertvoll das Leben ist. Wir war’n Geboren um zu Leben mit den Wundern jeder Zeit, sich niemals zu vergessen bis in aller Ewigkeit. Wir war’n Geboren um zu Leben für den einen Augenblick, weil jeder von uns spürte wie wertvoll Leben ist…“
(Quelle: Unheilig – Geboren um zu Leben)

♥  IN MEMORIAM ♥ 04.01.2010 ♥

 

Das Land der Sternenkinder (II)

Das Land der Sternenkinder fern
ist unseren Augen wohl verborgen…
„Wie geht es meinem kleinen Stern?“
fragt man sich deshalb voller Sorgen.

Die leise Antwort trägt der Wind,
sie raschelt durch den alten Baum…
wir hören unser kleines Kind –
es spricht zu uns in unserem Traum!

„Liebe Eltern, wir verstehen
daß Kummer nagt an Eurem Herzen…
doch unsere Welt ist bunt und schön –
frei von Sorgen, frei von Schmerzen!

Die Wolken treiben sanft dahin
im azurblauen Himmelsmeer…
wir Sternenkinder sitzen drin –
so eine Fahrt gefällt uns sehr!

Der Vögel lust’ge Zwitscherlieder
begleiten uns bei Spaß und Spiel…
Wir hören ihr Singen immer wieder –
nie wird uns der Gesang zuviel!

Beim malen, kritzeln, modellieren
toben wir uns richtig aus…
Wollt Ihr mal einen Blick riskieren?
Schaut einfach aus dem Fenster raus!

Der Himmel, soweit das Auge reicht,
ist Leinwand uns und Staffelei…
kein Kunstwerk je dem anderen gleicht –
toll ist diese Pinselei!

Ein Regenbogen ist das Zeichen,
dass wir Kinder an Euch denken…
er soll mit Farben ohnegleichen
Euch Dank für Eure Liebe schenken!

Wir sind Euch nur ein kleines Stück
voraus geeilt, noch nicht entschwunden…
irgendwann lacht uns das Glück –
dann sind auf ewig wir verbunden!“

Das Land der Sternenkinder fern
ist unseren Augen zwar verborgen…
doch weiß ich nun – um meinen Stern
brauche ich mich nicht zu sorgen!

Ralf Korrek

(Quelle: http://land-der-sternenkinder.de/gedichte1.html#Land)

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7 Kommentare zu „Fehlgeburt – (K)ein Tabu (?)!

  1. Ein Wahnsinn berührender Text, der mich tief ergriffen hat. Ich bin wahrlich schockiert darüber, wie du behandelt wurdest. Wo bitte bleibt da die Empathie. Das Mitgefühl anderer Frauen? Wo ist das? Oder liegt es daran, dass das Thema „Tod“ in all seinen Facetten ein Tabu in der heutigen Gesellschaft ist? Die Sternenkinder gehören zum Leben, zur Geschichte dieser Mütter – man sollte darüber reden können. Reden hilft (oder aber schreiben <3)…
    Es freut mich, dass du so schnell wieder schwanger wurdest und dein ersehntes Kind in die Arme schließen konntest und kannst.
    Das Bild von dem Mülleimer will mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie menschenverachtend. Mich schüttelt es innerlich und stößt mich gedanklich ab. Wieso sind die dort so gedankenlos und machen so etwas vor den Augen der Frau? Das ist doch traumarisierend? Und wieder die Frage nach der Empathie. Die scheint ja Mangelware in der heutigen Zeit zu sein… Deine Geschichte zeigt mir mal wieder, dass ich mit meiner Einstellung für mich ganz richtig liege: ich will auch eine Fehlgeburt zu Hause bekommen und keine Ausschabung haben wollen. Danke dass du meinem Entschluss gerade noch mal bekräftigt hast.

    Liebe mitfühlende Grüße
    Mother Birth

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich danke Dir sehr für Deine lieben Worte. Das tut gut. Dieser Blogpost ist ja quasi schon recht alt, aber er verliert (für mich) eben nie seine Bedeutung und Aktualität. Er ist Teil meines Lebens und vielleicht auf ewig der beste, den ich geschrieben habe.
      So oder so: es tat einfach gut. Wie Du auch so richtig feststellst!
      Und gerade auch der Austausch mit anderen Müttern, sei es, dass sie ähnliche oder andere Erfahrungen gemacht haben, tut gut. Auch möchte ich, dass das in die Welt geht, um so etwas zukünftig zu vermeiden – wie auch das, was Dir widerfahren ist!

      Gefällt 1 Person

      1. Nur wenn Fehler angesprochen werden, entsteht überhaupt erst die Möglichkeit sie zu beseitigen. Da gebe ich dir vollkommen recht. Ich finde es mutig und stark von dir, über diese dunkle Stunde in deinem Leben zu schreiben. Ich habe noch kein Kind verloren und kann mit nur in Ansätzen vorstellen, wie schlimm es sein muss. Ich weis welche Höllenqualen ich schon erlitten habe bei den Blutungen in der Frühschwangerschaft bei BusyBee – das mal 1000 kommt vielleicht in die Nähe… Ich möchte niemals diese Erfahrung machen müssen, aber wenn, werde ich an dich denken, an deine Kraft, deinen Mut und daran es in die Öffentlichkeit zu tragen, damit es zu keinem Tabuthema wird. Das haben die kleinen Kinderseelen nicht verdient – ihre Mütter ebenfalls nicht.

        Liebe Grüße
        Mother Birth

        Vielen Dank, dass du mich auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht hast!!! Sonst wäre er mir wahrscheinlich entgangen und das wäre sehr, sehr schade ❤

        Gefällt 2 Personen

  2. Wow. Was ein toller, berührender und gefühlvoller Text. Ich hatte Gänsehaut beim Lesen. Toll, dass deine Ärztin bei der folgenden Schwangerschaft so sensibel war. Aber den Satz „Das wird wohl nix“ finde ich nicht in Ordnung…. Da hat man dich doch schon sehr allein gelassen so kurz vor Weihnachten…
    Danke für deine Geschichte.
    Liebe Grüße,
    Juli

    Gefällt 2 Personen

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