aus dem Mama-Leben

„Mache“ ich mein Kind hochsensibel?

Ich habe ewig nach der passenden Überschrift gesucht, denn es ist so schwer zusammenzufassen, worüber ich Euch heute erzählen möchte. Ich möchte Dampf ablassen, denn ich lasse mir das so nicht (mehr) gefallen!

Mache ich mein Kind hochsensibel?

Auslöser war ein Tweet, den ich las und anschließend über meine eigene Antwort stolperte:

Als ich das so las, das da so schwarz auf weiß stand, kam eine ganz schöne Wut in mir hoch. Gefühle, Gedanken, Erinnerungen strömten auf mich ein. Was hatte ich mir schon alles anhören müssen…

Du musst loslassen können!

Eigentlich fing es schon bei der Eingewöhnung seinerzeit in der Krippe an. Es war das erste Mal, dass ich diesen Satz zu hören bekam: „Du musst loslassen können!“ Dass Kinder feine Antennen haben und sehr gut mitbekommen, wie man sich wirklich fühlt, egal, was man da gerade „vorspielt“, musste mir keiner extra erklären, aber dennoch bekam ich es während der Eingewöhnung ständig zu hören. Dabei fand ich, dass eher die dortigen Fachkräfte bremsten, es ganz gut lief und ich vor allem fand, dass Schnuppi und ich all diese damit einhergehenden Gefühle haben dürfen. Muss ich das alles total gelassen nehmen, damit mein Kind das locker wuppt? Darf ich meinem Kind nicht spiegeln, dass etwas Neues auch mit Gefühlen von Unsicherheit und Aufregung einhergeht? Darf ich nicht genauso wie mein Kind auch eine gewisse Eingewöhnungszeit haben? Nie fühlte es sich falsch oder schlecht an, wir wollten uns einfach nur gewöhnen. Das regelrechte Einreden der Erzieherinnen, dass man als Mutter nicht vernünftig loslassen kann, war bestimmt nicht böse gemeint, da bin ich mir sicher. Es ist kein Nachtreten, denn wir waren dort sehr zufrieden und Schnuppi hatte dort zwei wirklich schöne Jahre. Ich glaube, es ist eher eine Art „Erzieherkrankheit“, wenn Erstmamas da mit blutendem Herzen zum ersten Mal Erfahrungen in der Betreuung ihrer Kinder sammeln. Doch das ist eben kein Satz, den ich ständig hätte vor den Latz geknallt bekommen müssen – bis ich ihn selber zunächst glaubte.

Wenn Sie sich entspannen, entspannt sich auch Ihr Kind!

Ich hätte es noch mehr glauben müssen, als auch unser Kinderarzt mir ähnliches unterstellte. Alles begann damit, dass wir noch einmal umgezogen sind, gewollt. Und eigentlich war mit dem Umzug auch alles besser. Wir hatten mehr Platz, sowohl im Haus als nun auch einen tollen Garten, Schnuppi ein wunderschönes Kinderzimmer, welches ihr ganz offensichtlich total gefiel, denn tatsächlich schlief sie dort plötzlich selbständig ein – von einem auf den anderen Tag keine Einschlafbegleitung mehr – ich war geflashed!

Ja, das war die Kehrseite. Plötzlich hatte Schnuppi keinen Stuhlgang mehr. Sie hielt ein. Erst haben wir uns da noch nichts groß bei gedacht, kann ja immer mal sein. Doch dann wurde es immer seltener und ein wahrer Kampf und Kramp begann: vier bis fünf Tage kein Stuhlgang, lange Sitzungen auf der Toilette bis sie unter Weinen und ganz offensichtlich Schmerzen etwas herauspresste, Movicol zur Stuhlauflockerung und auch Zäpfchen, die das rauslassen erleichtern sollten. Monatelang ging das so und wir gingen alle am Stock. Oft habe ich in der Zeit mit dem Gedanken gespielt, das ganze zu verbloggen, aber ich konnte nicht – ich konnte einfach nicht. Und auch heute fällt mir das noch so verdammt schwer!

Wie oft war ich beim Kinderarzt und bekam immer wieder zu hören: „Wenn Sie sich entspannen, entspannt sich auch Ihr Kind! Sie müssen sie einfach mal lassen. So wie sie klammern, kann sie ja nicht loslassen. Wenn Sie da immer total angespannt vor ihr stehen, kann sie sich ja nicht entspannen. Dann macht sie halt mal ein paar Tage lang nicht. Na und?“

Na und? Bitte? Sie macht immer nur unter Weinen… Da kann doch was nicht richtig sein. War ich beim ersten Mal noch wie vor den Kopf gestoßen, ließ ich mir das so nicht einreden. Auch wenn der Kinderarzt quasi in die gleiche Kerbe wie die Erzieherinnen aus der Krippe schlug, war ich mir hier ganz klar, dass ich das nicht mir anlasten kann. Und so machte ich so lange Radau, bis endlich mal ein Ultraschall bei meinem Kind gemacht wurde…

Und was soll ich sagen? Er entdeckte alten Stuhl, an dem mein armes Kind jedes Mal schmerzhaft dran vorbeidrücken musste und zudem bereits eine leichte Erweiterung des Enddarms. Dass der Kinderarzt damit schlecht aussah und ich mich bestätigt fühlte, war nicht das vorherrschende Gefühl. Ich war einfach nur fix und fertig, was mein Kind da nun schon so ewig lange für einen Horror hatte durchleben müssen. Warum war ich nicht schon früher „eskaliert“?! Es folgte eine sofortige Überweisung in eine Tagesklinik, wo mittels Einlauf alles aus meinem Kind rausgeholt wurde. Eine hohe Dosis Movicol, die wir über Monate reduzierten und mich einiges an Überwindung kostete, sie letztendlich abzusetzen, halfen im Anschluss, dass sich dieser Horror nicht wiederholte. Und nun hieß es jeden Abend auf die Toilette gehen und groß machen. Mir fehlt es an Vorstellungskraft, wie sie das schafft, so „nach Termin zu machen“, aber so klappte es. Jeden Abend, mal mit Aufforderung, mal von sich aus, ging es nun vor dem Schlafen gehen fürs große Geschäft auf die Toilette – aber nur zuhause…

Heute macht sie tatsächlich auch mal spontan und dass sie neulich tatsächlich mal im Kindergarten machte, war ein unglaublicher Meilenstein! Alles in allem muss ich feststellen, dass es Eltern hier an echter Hilfe fehlt, wenn ein Kind an solch einer chronischen Obstipation leidet. Es wird ein Mittelchen verschrieben und das ganze wird laufengelassen… Ich habe während dieser unserer Leidenszeit einige Mitleidende gehabt, die damit ebenso allein gelassen wurden. Warum das so ist, keine Ahnung. Doch zurück zum Thema…

Sie müssen nur mal loslassen!

Nun hatten wir die Obstipation also quasi gemeistert – dank meines eindringlichen Forderns, wohl gemerkt! Wäre damit nicht auch dem Kinderarzt bewiesen, dass es nicht daran liegt, dass ich zu sehr klammere und mein Kind nicht machen lasse? Ach Kinners, nein, natürlich nicht. Als bei den Vorsorgeuntersuchungen die Themen Fahrrad fahren und Schwimmen lernen aufkamen, war schnell wieder die Schuldige gefunden, warum das meinem Kind nicht locker-leicht gelingt: ich natürlich! Ich lasse sie nicht los… nicht mit dem Fahrrad, nicht mit dem Schwimmen. Dass mein Kind einfach Angst hat, weil sich in ihrem Kopf ein unendlicher Film voller Gefahren abspielt und sie meinen Halt einfach braucht – scheinbar unvorstellbar und pure Einbildung meinerseits…

Stimmt es also? Bin ich „Schuld“ an der Hochsensibilität meines Kindes?

Ich bin keine Ärztin, keine Psychologin. Ich maße mir nicht an, dies exakt zu diagnostizieren. Ich habe viel darüber gelesen, viel auf tollen Blogs, die sich mit dem Thema Hochsensibilität auskennen. Auf Stadt Land Mama gibt es zum Beispiel einen Einblick, was hinter dem Begriff Hochsensibilität steckt. Auf dem 2KindChaos-Blog könnt Ihr lesen, wie es ist, wenn Mutter und Kind hochsensibel sind. Dani berichtete seinerzeit auf ihrem Blog Glucke & So. wie es ihr mit und vor allem nach dieser Diagnose ging. Zudem hatte sie in ihrer Montagspost Kathrin von Öko-Hippie-Rabenmütter zu diesem Thema zu Gast, die wiederum auf ihrem Blog die tolle Reihe „Hochsensible Mütter“ hat, wo Ihr ganz viel zu diesem Thema aus den verschiedenen Blickwinkeln und von den unterschiedlichsten tollen Müttern lesen könnt.

Auch gibt es einschlägige Tests zu dem Thema wie z.B. diesen, der mir für meine Schnuppi sagt, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie ein hochsensibler Mensch ist. Gerade wenn ich so Aussagen lese wie besondere Empfindlichkeit bei grellem Licht, Lautstärke, Hektik, wenn von einem besonders feinen Geschmackssinn und sich einengend anfühlender Kleidung die Rede ist, wenn Angst vor Unbekanntem sowie eine hohe Schmerzempfindlichkeit erwähnt werden, wenn die Rede ist von einer mir selbst in diesem Ausmaß total unbekannten Kreativität und einem besonderen Zugang zu Musik und Kunst, von Hilflosigkeit und Elefantengedächtnis und vor allem von besonders von ausgeprägter Phantasie und dem nicht aufhören können, zu denken, zu träumen…

 

… dann stelle ich für mich beziehungsweise für mein Kind fest: Schnuppi ist sehr, ja höchst-sensibel und genau das ist mir sehr bewusst und muss mir vor allem auch so präsent sein, denn nur so kann ich ihr die Mutter sein, die sie braucht. Ich bin keine der supercoolen, megagelassenen Mütter, aber ich hindere meine Kinder garantiert nicht daran, sich frei zu entfalten. Das Begleiten und Loslassen ist sicherlich die Königsdisziplin der Elternschaft und keiner ist bei einer so schwierigen Aufgabe frei von Fehlern, aber ich weiß, dass ich das gut mache – so als Mama. Und letztendlich – das hat sich bisher immer wieder bewahrheitet – bin ich die Expertin, wenn es um meine beiden Töchter geht. Daher:

Hört auf, wer auch immer Ihr seid, mir einreden zu wollen, dass ich da was falsch mache mit meinem Kind und meine Tochter gar wegen mir zu zart besaitet ist! Letztendlich war es in unserer bisherigen gemeinsamen Geschichte schließlich immer so, dass ich letztendlich mein Kind zum Erfolg begleitet und geführt habe – auf jeder hier beschriebenen Situation. Daher: Nennt mich Super-Mama!

Und meiner Schnuppi sei an dieser Stelle gesagt:

Sensibel zu sein ist kein Makel und macht Dich nicht klein! Du hast so wundervolle Gaben und Fähigkeiten – Du bist wunderbar und gerade aufgrund Deiner sensiblen Art ein ganz besonders starker Mensch und eine ganz große Persönlichkeit mit unglaublich tollem Charakter!

Ich liebe Dich, meine Schnuppi ❤

Deine Mama :*


Epilog

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diesen Blogpost veröffentliche, was Ihr auch an den Daten der Tweets sehen könnt. Ausschlaggebend war eine Situation am vergangenen Wochenende. Ich hörte, wie sie ihrer Cousine gegenüber sagte, dass in ihrem Kopf immer alles so durcheinander sei und sie dann manchmal einfach nicht zuhören könne, weil sie sich um all die Gedanken in ihrem Kopf kümmern müsse. Eine Aussage, die mir einen Stich versetzt hat, denn es zeigt mir, wie schwierig es oftmals für sie ist, wie unverstanden sie sich manchmal von Gleichaltrigen fühlen muss… …und es macht mir ein wenig Angst, wie das werden wird, wenn sie im Sommer in die Schule kommt. Ich weiß nur, dass ich da sein und alles dafür tun werde, meiner Schnuppi auch auf diesem neuen Weg soweit zu begleiten, wie sie es braucht, ihre Flügel tagtäglich stärken, auf dass sie losfliegen kann ❤

Bitte wünscht uns Glück – und wer gute Tipps und Hilfestellungen weiß: ich wäre dafür SEHR dankbar!

Eure schnuppismama


Mit diesem Beitrag bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017. 

Drückt die Daumen.

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7 Kommentare zu „„Mache“ ich mein Kind hochsensibel?

  1. Ui, da hast du ganz schön was mitgemacht! Es ist immer schwierig, wenn Experten eine Meinung lostreten. Ist mir selbst auch schon so gegangen, zwar ein anderes Thema (Stillen), aber ich habe mich auch so ähnlich gefühlt, wie Du es beschreibst. Gut, dass Du auf deinen Bauch gehört hast! Du machst das alles ganz wunderbar!

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  2. Mir kommt soviel so bekannt vor, Druck, Angst, Vorwürfe… du hast absolut recht, du und nur du weißt es an besten und niemand sonst. Wir haben auch noch einen langen steinigen Weg vor uns. Aber wir meistern das. Und Schnuppi meistert das mit der Schule auch. Ich bin gespannt, wann du das erste mal in der Schule aufkreuzt. Bei mir war es in der zweiten Woche 😏😏
    Sie wird dich brauchen und ich weiß du wirst hinter ihr stehen! Und das ist gut so.
    Drück dich und ich wünsche euch einen tollen Schulanfang (hier wird das ja wenigstens richtig gefeiert 😉) und dann einen guten Start in zwei Wochen!
    Lg Lu

    Gefällt 1 Person

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